Im September habe ich mit einem alten Schulfreund ein Videogespräch geführt und war danach inspiriert diesen Text zu schreiben. Dass nun vier Monate vergangen sind, bis ich ihn veröffentliche, liegt wohl am sehr persönlichen Thema.

Den Schulfreund hatte ich seit dem Abiball nicht gesehen und wir hatten in den letzten Jahren höchstens mal kurz geschrieben. Bei dieser Gelegenheit stellte ich – wie schon einige Male zuvor – fest, dass ich in dieser Zeit damals gar nicht richtig da war. Ich war nicht bei mir. Ich war viel im Außen, wollte nicht reinpassen, wollte meine Weiblichkeit entdecken und hatte gleichzeitig Angst vor dieser Kraft. Viele Erfahrungen und Erlebnisse dieser Zeit sind für mich verzerrt durch die Staubwolke, die die pubertäre Baustelle in meinem Kopf aufgewirbelt hatte. Anders als mein extrovertiertes Aussehen und Auftreten vermuten ließen war ich auf meine Art unsicher. Ich nehme an meine wechselnden Haarfarben, Dreads, Piercings und meine Kleidung täuschten im ersten Moment darüber hinweg. Mich wirklich zu öffnen, zu sagen, wie es mir geht, was ich fühle, was mir gerade wichtig wäre, wirklich etwas von mir zu teilen, das war mir in dieser Zeit nicht nur unmöglich, es war mir schlicht nicht bewusst, dass das eine Möglichkeit war. Und ich hatte Angst! Angst abgelehnt zu werden.

Es heißt: Wenn die Vergangenheit anklopft, dann mach’ nicht auf, sie hat nichts Neues zu erzählen. Ich durfte jedoch für mich erkennen, dass ganz neue Bewertungen möglich sind, wenn ich Bewusstsein, Achtsamkeit und Liebe in die Situationen meiner Vergangenheit bringe. In besagten Freund war ich damals sehr verliebt. Gleichzeitig war ich aber viel zu unsicher und zu schüchtern, als dass ich einen Schritt auf ihn zu gegangen wäre oder mich getraut hätte auf seine – durchaus vorhandenen – Annäherungen zu reagieren.

Wenn ich meinen Weg mit Liebe betrachte, dann stelle ich mit Stolz fest, wie weit ich dennoch schon war. Ich kannte schon damals meine Werte und es gelangt mir mal besser, mal schlechter, diese zu leben. Und das ganz ohne die Bewusstheit und die Achtsamkeit, die mir heute zur Verfügung stehen. Gerade diese beiden helfen mir nämlich heute besser zu fühlen, was ich gerade wirklich brauche und meine Bedürfnisse nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu kommunizieren. Zusammen mit dem Gefühl für Menschen, Stimmungen und Situationen steht mir ein riesengroßer Schatz an Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Es war ganz wundervoll heute, all die Jahre später, mit ihm zu telefonieren. Und mir fiel auch wieder die ganze Geschichte ein: Er hatte damals eine Freundin. Es war mir gelungen diese Tatsache in der Gefühlsduselei auszublenden und weiterhin in ihn verliebt zu sein. Gleichzeitig ging es mit uns weder vor, noch zurück was mich im Rückblick durchaus frustriert hat. Was hätte also anders sein können? Was würde ich mit dem Wissen und der Erfahrung von heute in so einer Situation anders machen? Klarheit über meine Gefühle, meinen Wert und meine Bedürfnisse gepaart mit dem Mut, dem Selbstvertrauen und der Kommunikationsstärke von heute, hätten mich ihn direkt ansprechen lassen. Wahrscheinlich hätte ich ihn gefragt, „wie meinst du das, was du da tust?“ ich hätte wissen wollen, was seine Sicht auf das „zwischen uns“ ist. Und wenn da etwas zwischen uns wäre, hätte ich ihn aufgefordert zunächst seine Beziehung zu klären. Den Mut und das dazugehörige hohe Selbstwertgefühl hatte ich damals nicht und so trennte uns irgendwann einfach das Ende der Schulzeit. Ob ich damit vertanen Chancen hinterher trauere? Keineswegs!

Ich schreibe diesen Text, weil mir in dieser Situation noch etwas anderes bewusst geworden ist. Der Tag des Telefonates war ein Samstag. Ich hatte absichtlich nichts vor: „Me-Time“ also Zeit für mich, stand als Termin in meinem Kalender und dieser leere Raum machte das Gespräch, die Reflektion über eine längst vergangene Liebe und diesen Text überhaupt erst möglich.

Einer meiner Trainingsteilnehmer meinte letztens, dass es doch möglich sein müsste einen Termin abzusagen, wenn bemerkt wird, dass gerade „Me-Time“ notwendig wäre. Durch die Achtsamkeit und Bewusstheit für meine Gefühle und Bedürfnisse schaffe ich es, dass ich gar nicht erst absagen muss, weil es genau für solche Zeiten auch feste Termine gibt. Ich bin also nicht reaktiv unterwegs und werde überwältigt, sondern plane ganz aktiv meine Erholung ein, genauso wie alle Vorbereitungen und Ausführungen anderer Aufgaben. Wenn ich auch diese Zeiten aktiv plane hat das einen weiteren Effekt: es geht mir nicht nur allgemein besser, sondern ich bringe den Erholungszeiten auch die gebührende Wertschätzung entgegen.
Wenn ich also an einem solchen Samstag den ganzen Tag rumdaddel und in den Tag hineinlebe, lese, schreibe, spazieren gehe, am Handy hänge oder eben mit alten Freunden spreche, dann fühle ich mich nicht mehr schlecht. Ich gönne mir diese Zeiten genauso wie alles busy-sein an den anderen Tagen. Mein früheres Ich hätte sich nach einem solchen Samstag, trotz den vor- und nachgelagerten busy-Tagen, irgendwie schlecht gefühlt. Einfach weil die Bewertung der busy-Zeiten besser ausfällt.

Dazu möchte ich einmal folgenden Vergleich anstellen: Keiner von uns verlässt mit einem ungeladenen Handy das Haus. Aber wie oft verlassen wir unser Zuhause unausgeschlafen, aufgekratzt, gestresst, also mit einem niedrigem Energielevel, oder eben niedrigen Akkuladestand? Anstatt aufzuladen powern wir weiter durch.
Ich glaube, dass viele Leute so leben. Sie powern durch, fühlen sich dabei gut, denn durchpowern lenkt ja auch so gut von allen anderen Themen ab. Wenn Menschen ausbrennen, dann haben sie die ganze Zeit durchgepowert und dabei durchgehend versucht ihre Energie auf einem extrem hohen Level zu halten, ohne zwischendurch aufzuladen. Die Anzeichen für ein Burnout zeigen sich meistens nicht in der Abnahme der Leistungsfähigkeit im Job, ganz im Gegenteil. Oft leisten die Menschen kurz vor dem Burnout extrem viel. Die Anzeichen finden sich in anderen Lebensbereichen, die wir bei der Terminplanung eher vernachlässigen. Haben wir also keine Energie mehr für soziale Kontakte, Hobbies etc. also genau die Dinge, die uns helfen würden, unsere Energie wieder aufzuladen, sollten alle Alarmglocken angehen. Leider kommt noch etwas anderes erschwerend hinzu: Sind wir erst einmal auf einem hohen Dauerstresslevel angekommen, fällt es ins noch schwerer wirklich runterzukommen und abzuschalten. Diese Erfahrung hat bestimmt jeder schon mal gemacht, der eine Lernphase oder eine Zeit mit einem festen Abgabetermin hinter sich gebracht hat. Oft fallen wir am Ende, also nach abgelegter Prüfung oder dem Abgabetermin, in ein Loch. Wie Entspannung geht verlernen wir so schnell.

Ein weiteres Phänomen, dass unser Unwohlsein noch verstärkt, ist dass wenn wir nach solchen Phasen plötzlich Ruhe haben, wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. All die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse, die wir während stressiger Phasen durch unser busy-sein so wunderbar ins Unbewusste hinein ignorieren konnten, bahnen sich den Weg in unser Bewusstsein. Das kann uns überfordern, weshalb wir uns dann oft sogar noch schlechter fühlen und uns das busy-sein zurückwünschen.

Mein früheres Ich hätte in einen Tag wie heute mehr stecken wollen, mehr erleben, mehr unternehmen und länger wach sein wollen. Um so der vermeintlichen Gefahr mit den eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontiert zu werden, die sich den Weg an die Oberfläche bahnen, aus dem Weg zu gehen. „Es heißt Gefühle, weil da drin‘ steckt „Geh‘ hin und fühle“, nicht schau weg und verdränge, sonst würde es Gedränge heißen.“ sagte Robert Betz in einem Podcast. Ich finde das fasst es so gut zusammen. Es ist einfach sinnvoll sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Sie sind ziemlich gute Wegweiser. Wenn wir uns trauen hinzugucken. Allerdings brauchen wir dafür Raum.

Ich bin dankbar, dass mir durch das Telefonat mit meinem Schulfreund bewusst geworden ist, welche Entwicklung hin zu mehr Bewusstheit und Achtsamkeit ich bereits gemacht habe. Deshalb sende ich hiermit ein lautes und sehr einladendes “Hallo!” an all die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse, die schon die ganze Zeit in meinem Bewusstsein sind und lasse mich an diesen „Me-Time“-Terminen genussvoll treiben. Mal schauen was auf dem Weg noch alles an die Oberfläche kommen mag.