Es ist schon ein paar Jahre her, als ich die Magie, die in der Frage «Wie meinst du das?» steckt, entdeckt habe. Damals kam ich mir vor wie eine «Platte mit Sprung». Ständig diese Frage in meinem Kopf. Die Menschen in meinem Umfeld waren durch sie immer wieder dazu angehalten mir ihre eigene Welt zu erklären. Doch ich greife vor… 

Eines Morgens erzählte mir eine Freundin, dass ein bestimmter Satz ihres Partners sie auf die Palme gebracht hat. Sie hat sich immer wieder über ihn geärgert, bis sie verstand, was er ihr eigentlich damit sagen will. Nämlich, dass er sie liebt…

Es kann immer wieder passieren sein, dass ein Satz oder Verhalten unserer Mitmenschen eine Reaktion in uns auslöst, die unser Gegenüber nicht beabsichtigt hat. Wahrscheinlich ist der oder die Andere sich dieser der Möglichkeit unserer Reaktion gar nicht bewusst. Oft sind wir so in unseren Köpfen gefangen, setzen uns unsere Wahrheit zusammen und ordnen – meist unterbewusst – die Worte und Taten der anderen Person entsprechend ein. Da unsere Tagesform und unsere allgemeine Stimmung die Bewertung ebenfalls beeinflussen, gehen wir meistens nicht sonderlich liebevoll vor. Evolutionsbedingt erwarten wir das Schlimmste. Wenn wir mit dem «Worst Case» rechnen, dann sind wir zumindest optimal vorbereitet und auf alles gewappnet – denken wir. Folglich wetzen wir meist innerlich bereits die Krallen oder Schwerter und proben zum Gegenangriff. Das es dann nie so schlimm kommt, wie es unser – zugegebenermassen extrem kreatives – Gehirn sich bereits in allen Farben ausgemalt hat, stört uns dabei nicht weiter. Ist ja auch klar, wir waren schliesslich auf das Schlimmste vorbereitet. Noch mal Glück gehabt! 

Ich sagte also zu meiner Freundin: «Du hast immer die Möglichkeit dir eine Geschichte darüber zu erzählen, was der Andere jetzt wohl damit meint. Oder du kannst einfach fragen: `Hei, wie meinst du das?` und dadurch eine neue Geschichte entdecken.» Im besten Fall (und das ist meistens der Fall) eine viel bessere Geschichte, die die Kommunikation nicht nur vereinfacht, sondern auch verschönert.
Die Magie, die in der Frage steckt? Wir bringen Bewusstheit und Achtsamkeit in den Raum zwischen Reiz und Bewertung wenn wir diese Abfolge betrachten: Reiz – Bewertung – Reaktion. Mit der Frage «Moment, wie meinst du denn das?» geben wir diesen Raum frei für komplett neue Bewertungen.
Immer, wenn ich merke, dass ich beginne mir eine Geschichte zu erzählen, versuche ich kurz inne zu halten. Ich atme beispielsweise tief ein und stelle beim Ausatmen die Frage danach, wie das, was der Andere gerade gemacht oder gesagt hat, gemeint war. Vielleicht muss ich die Frage in dem Moment durch gefletschte Zähne hervorbringen, doch ich stelle sie. Das ist nicht ganz leicht. Manchmal sind wir die Opferhaltung «ich bin arm, klein und machtlos» schon so gewöhnt, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen. Doch geben wir unserem Gegenüber die Chance sich zu erklären, holen wir uns unsere Macht zurück. Wir übernehmen Verantwortung für unser Leben, unsere Gedanken und für unsere Gefühle. Wenn der Andere dann in der Erklärung wirklich so gemein, fies oder verletzend ist, wie es unsere eigene Geschichte uns zunächst glauben machen möchte, haben wir die Möglichkeit genau das auch zu sagen. In dem einfachen Satz «Hey, wenn du das so meinst, dann verletzt mich das.» stecken Stärke, Macht und unendlich viele Möglichkeiten den Ausgang des Gesprächs neu zu gestalten. Ich glaube außerdem, dass wir damit zum allgemeinen Frieden beitragen können. Ich bin der festen Überzeugung, dass kein Mensch morgens aufsteht und sich hämisch grinsend und händereibend überlegt, wie es ihm heute gelingen könnte seinen Mitmenschen das Leben möglichst schwer zu machen. Vielmehr versuchen wir unser Bestes. Ja! Alle! Immer! Dass wir das bei anderen teilweise nicht so wahrnehmen können liegt daran, dass wir uns eine Geschichte erzählen, die uns die Nachricht falsch filtern lässt. Diese Problematik können wir umgehen indem wir nachfragen.

Bonus: wir sind gnädiger im Umgang mit anderen, da wir uns bewusst sind, dass unsere Wahrheit nicht die Wahrheit der anderen Person sein muss und die Nachricht möglicherweise ganz anders beabsichtigt war. Letztens habe ich gelesen, dass wir Andere nach ihrem Verhalten und uns selbst nach unserer Absicht ver- beziehungsweise beurteilen. Wie wäre es denn zur Abwechslung mal davon auszugehen, dass die Menschen positive Absichten haben? Selbst haben wir die ja auch… «So meinte ich das doch gar nicht!» oder «Ich meinte das doch ganz anders!» sind Sätze, die uns über die Lippen kommen, wenn wir von Anderen missverstanden werden. Und wer schon einmal falsch verstanden wurde und gemerkt hat, das Worte, die eigentlich ganz anders gemeint waren, den Anderen verletzen, wünscht sich eine Lösung aus diesem Dilemma. 

Mein Sprung in der Platte «Wie meinst du das?» wäre da so ein Ausweg aus diesem Dilemma. Einen weiteren Ausweg habe ich im Disney Film «Lilo und Stitch» entdeckt. Die Inspiration kennt die aussergewöhnlichsten Wege uns zu finden.  Stitch, das kleine ausserirdische Monster, wird von seinem Verfolger beschimpft. Es ist sich aber inzwischen sicher, dass es geliebt wird und antwortet damit, dass es dem Verfolger einen neuen Text zur Verfügung stellt: «Du meinst wohl süss und kuschelig!» Mit viel Leichtigkeit, Freude und einem Funken Humor kann ich dem Anderen einen neuen Text geben, indem ich beispielsweise sage: «Ach, du wolltest wohl sagen, dass ich toll bin und du mich liebst. Wie schön!». Das kann ich einfach nur in meinem Kopf tun oder mit etwas Mut geht sowas sogar direkt; also wortwörtlich in das Gesicht der anderen Person. Wie so oft ist es eine Frage der inneren Haltung. Wenn ich dem Anderen keine bösen Absichten unterstelle und mir gleichzeitig meines Wertes bewusst bin, ist so unglaublich viel möglich. Weniger bewerten, mehr wahrnehmen. Und das Beste: Kommunizieren wird ganz leicht und macht Spass! 

Bestimmt gibt es noch unendlich viele Möglichkeiten das Risiko von Missverständnissen zu minimieren… Bis mir weitere einfallen frage ich zum hundertsten Mal «Wie meinst du das?». Solange, bis ich es verstanden habe oder mein Gegenüber keine Lust mehr hat sich zu erklären 🙂
Es ist dein Leben, lass dir also erklären was dich nervt. Wenn du Glück hast – und daran glaube ich – wird es dich nachher nicht mehr nerven, weil du verstehst, wie es gemeint war.

 

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Tabea Mündlein entstanden. Ihren Blog findest du hier.